Kunstpreis Ottersberg

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Der Flecken Ottersberg

Kunstpreis Ottersberg 2019

Preisträgerin Hauptpreis

Elianna Renner

Elianna Renner
Elianna Renner

Die 1977 in der Schweiz geborene und in Deutschland lebende Bildende Künstlerin Elianna Renner arbeitet an der Schnittstelle von Biografie und Geschichte. In ihren Arbeiten hinterfragt sie historische Narrative und deren Auslassungen - immer mit dem Ziel, die hinter dem Vergessenen oder Verschwiegenen stehenden Machtverhältnisse sichtbar zu machen.

Mnemotaxi

Mnemotaxi 2019

Esel nehmen in Mythologie, Symbolik und in Märchen eine besondere Stellung ein und werden in vielen Kulturen der Welt verehrt, allerdings auch als wichtige Nutztiere verwendet.

Die Reitfigur wurde 2006 von Renner vor der Mülldeponie gerettet und seit 2012 mit verschiedenen Stickereien oder Häkeleien verziert. 2016 entdeckte Renner bei einem Familienbesuch durch Zufall eine Fotografie von sich als etwa Fünfjährige neben einem Esel in Mijas/Andalusien, wo die Esel als „Burro-Taxis“ eingesetzt und mit Kopf- und Körperschmuck versehen werden. Bei der Arbeit geht es der Künstlerin zunächst um die vergessene Erinnerung an dieses Kindheitserlebnis, das sie dazu bewog, zu einem anderen Zeitpunkt in ihrem Leben einen Esel zu besticken. Daher der Titel Mnemotaxis aus dem Griechischen, der (räumliche) Orientierung nach der Erinnerung bedeutet. Für Renner werden so auch die Burro-Taxis wortspielerisch wieder aufgenommen.

Es handelt sich bei diesem Objekt aber nicht nur um ein Erinnerungsprodukt, sondern auch auf eine Anspielung auf kulturelle Aneignung. Die Arbeit dient als Ansammlung von Glücksbringern und Schutzamuletten, die an vertraute Symbole erinnern und in vielen Kulturen wiederzufinden sind. Zum Teil sind sie von der Künstlerin auch frei erfunden wie die Blume auf dem Rücken des Esels, die genau genommen die Anatomie der weiblichen Milchdrüse darstellt. Unter dem silbernen Glitzerschwanz späht aus einer vaginal geformten Rosette ein goldenes Stück Kot hervor, was sich vordergründig auf den Goldesel aus Grimms Märchen bezieht, im übertragenden Sinne aber auch auf die gewinnbringende (touristische) Vermarktung von Kultur und Tieren Bezug nimmt.

Preisträgerin Nachwuchspreis

Lydia Radzuweit

Lydia Radzuweit
Lydia Radzuweit

Die Werke sind konzeptuelle Objekte. Teil der Arbeiten ist immer ihre räumliche Haltung und eine in sich logische Anzahl. Sie sind fein, fast poetisch und etwas spielerisch und lassen das Gefühl der Präsenz eines Gegenübers entstehen.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann schreiben sie noch heute …

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann schreiben sie noch heute …

Die Arbeit besteht aus 13.465 Karten im Din A6 Format. Auf ihnen ist der Chatverlauf der Künstlerin und ihres Partners aus drei Jahren, vier Monaten und fünf Tagen gedruckt. Auf der Vorderseite einer Karte steht, wann und wer geschrieben hat; die Chatnachricht steht auf der Rückseite, gesendete Bilder werden auf der Vorderseite der Karten beschrieben. Es ist der alltägliche Konversationsverlauf, von den ersten Verabredungen bis hin zum Zusammenleben mit ihrem gemeinsamen Kind.

Dies ist eine Übertragung aus dem Digitalen in das Analoge und verbildlicht den schriftlichen Kontakt zwischen zwei Menschen. Als Hommage an die postale Kurznachricht ist der Austausch auf, in Größe und Haptik an Postkarten erinnerndes, Papier gedruckt. Der alltägliche Inhalt der Nachrichten hat für den Betrachter keine wesentliche Wichtigkeit. Erst die Masse aller Nachrichten wird zum spürbaren Gewicht der Liebe, deren Dimension sonst im Digitalen verborgen bleibt.

Die flüchtig verfassten Kurznachrichten erfahren durch den Druck auf „Postkarten“ eine Aufwertung, die im Kontrast zur gewohnten Sorgfältigkeit bei Grammatik und Orthographie in diesem Medium irritiert.

Durch die dialogartige Abfolge der Karten und ihrer vollständigen Masse wird die im Digitalen stattfindende, dem flüchtigen Schreiben der Nachrichten gegenüber stehende Konservierung des Geschriebenen deutlich. Bei dieser hat man jederzeit Zugriff auf den gesamten Schriftverkehr, im Gegensatz zum Analogen, wo üblicherweise nach dem Versenden der Zugriff auf das eigene Geschriebene nicht mehr möglich ist.